50 Jahre Winter-Paralympics: Hoffnung auf den nächsten Meilenstein
Die diesjährigen Paralympics in Mailand und Cortina sind gleich in mehrfacher Hinsicht besondere. Nicht nur, dass die Spiele seit 20 Jahren erstmals wieder in den europäischen Alpen stattfinden, es gibt zudem noch ein Jubiläum zu feiern: 50 Jahre ist es her, dass die ersten Paralympischen Winterspiele ausgetragen wurden. Seit der Ausgabe 1976 hat sich einiges getan – und die positive Entwicklung soll in Italien weiter fortgesetzt werden.
Örnsköldsvik – so hieß der erste Austragungsort der Paralympics im Winter. Als sich in Schweden zum ersten Mal auch Wintersportler*innen mit Behinderung zu Paralympischen Spiele trafen, war die Konkurrenz noch überschaubar. Zwar traten 198 Athlet*innen im Stadion Kempehallen an, die Wettbewerbe waren aber vor allem eine europäische Angelegenheit. Von den anderen Kontinenten hatten nur sechs Kanadier, ein US-Amerikaner, ein Japaner und ein Athlet aus Uganda die lange Reise angetreten. Zudem gab es einen deutlichen Männerüberschuss, denn von den 198 Aktiven waren nur 37 weiblich. Deutschland stellte mit 32 Sportler*innen die größte Mannschaft und schaffte es bei der Premiere auf den ersten Rang im Medaillenspiegel mit 28 Edelmetallen (10x Gold, 12x Silber und 6x Bronze).
Wenn dagegen am 6. März die Spiele in Mailand und Cortina beginnen, wird mit über 650 Athlet*innen gerechnet, die in sechs Sportarten und insgesamt 79 Wettbewerben antreten. 1976 waren es noch 53 Wettkämpfe ausschließlich in den Sportarten Para Ski alpin und Para Skilanglauf. Es folgten Para Biathlon (1988), Para Eishockey (1994), Rollstuhlcurling (2006) und als jüngste Sportart Para Snowboard (2014). Doch nicht nur bei der Auswahl der Sportarten haben sich die Spiele verändert und vor allem vergrößert.
Alexander Spitz: Pionier in mehrfacher Hinsicht
Einer, der diese Entwicklung hautnah miterlebt hat, ist Alexander Spitz. 1984 nahm er in Innsbruck mit gerade einmal 15 Jahren an seinen ersten Paralympics teil und gewann direkt Silber im Riesenslalom. Eine große Überraschung und symbolträchtig zugleich, schließlich war es genau am fünften Jahrestag seiner Beinamputation. Mit zehn Jahren musste Spitz aufgrund einer Krebserkrankung das rechte Bein amputiert werden. Das hielt ihn jedoch nicht vom Skifahren ab. „Ich habe gemerkt, dass ich da ein Talent habe und wollte nicht akzeptieren, dass ich den Sport nicht mehr ausüben konnte“, erinnert sich Spitz zurück. Mit seinem Gefühl lag er richtig, denn in den folgenden Jahren entwickelte sich Spitz zu einem der erfolgreichsten deutschen Para Sportler. Allein fünf Mal nahm er an den Paralympics teil.
Trotz seiner beeindruckenden Leistungen blieb die mediale Aufmerksamkeit zunächst gering. „Damals gab es noch kaum Berichterstattung. Wenn man in der Presse vorkommen wollte, musste man das auf eigene Initiative anstoßen“, betont Spitz. Und selbst dann war noch keine Berichterstattung garantiert, stattdessen erhielt er teils auch recht unfreundliche Rückmeldungen. Gut zwanzig Jahre später war Spitz dann regelmäßig zu den Spielen 2010 im ZDF zu sehen. Nicht mehr als Aktiver, sondern als erster paralympischer Ski-Experte. Es war die Belohnung für die Pionierarbeit, die Spitz und viele seiner Mitstreiter*innen in den Jahrzehnten zuvor geleistet hatten.
Das galt nicht nur für die mediale Berichterstattung, sondern genauso für die finanzielle Unterstützung der Sportler*innen. Hier ging Spitz ebenfalls voran und übte als erster deutscher Para Athlet seinen Sport professionell aus. Zunächst wurde er 1988 von seinem Arbeitgeber für die Paralympics freigestellt. Weitere Meilensteine folgten, wie Spitz beschreibt: „Bei der Sporthilfe habe ich mich dafür eingesetzt, dass es auch bei den Paralympischen Spielen Medaillenprämien für uns gibt.“ Inzwischen sind die Prämien bei Paralympics und Olympia gleich hoch. Andere folgten seinem Beispiel. So inspirierte Spitz mit seinen Auftritten unter anderem auch Gerd Schönfelder. Der ist noch immer der erfolgreichste deutsche Paralympics-Teilnehmer mit 22 Medaillen, darunter 16 in Gold.
Aufschwung für den paralympischen Wintersport: Die 90er-Jahre als Wendepunkt
In den 1990er-Jahren traten Spitz und Schönfelder gemeinsam bei den Paralympics an, wenn auch in unterschiedlichen Klassen. Äußerst erfolgreich waren sie beide und erlebten dabei einen Wendepunkt in der Professionalisierung des Para Sports. „Die Paralympics 1994 in Lillehammer waren ein großer Schritt und für mich die schönsten Spiele. Das Zuschauerinteresse und die Übertragungen waren da auf einem neuen Level“, berichtet Spitz. An die Paralympics 1998 im japanischen Nagano hat Spitz hingegen weniger schöne Erinnerungen. Ein Sturz beendete seine aktive Karriere im Para Sport, das spektakuläre Foto des Unfalls ging um die Welt.
Während Spitz in Nagano seine letzten Paralympics als Sportler erlebte, reiste Frank-Thomas Hartleb zum ersten Mal zu den Winterspielen. 35 Jahre und bis zum Frühjahr 2025 war er Sportdirektor beim Deutschen Behindertensportverband (DBS), insgesamt 17 Paralympische Sommer- und Winterspiele begleitete er beruflich und erlebte so den Startpunkt eines neuen Entwicklungsschubs in den 90er-Jahren. „Anfangs war es noch schwierig, überhaupt an aktuelle Ergebnisse von den Paralympics zu kommen. Im Fernsehen gab es maximal eine 30-minütige Zusammenfassung im Nachgang der Spiele, erstellt von der Gesundheitsredaktion. Die Berichterstattung in der Presse beschränkte sich allenfalls auf lokale Medien, sofern eine Sportlerin oder ein Sportler im Einzugsgebiet der Zeitung beheimatet und dort bekannt war“, beschreibt Hartleb rückblickend.
Seitdem hat sich vieles in die richtige Richtung bewegt. Zwar arbeitet der DBS schon seit 1998 im Deutschen Haus mit einer Agentur für die Vermarktung zusammen, aber die heutigen Dimensionen sind mit den damaligen nicht mehr vergleichbar. Die Delegationen wurden immer größer und auch Bundespräsidenten und Innenminister ließen sich häufiger bei den Spielen blicken. „Der sportliche Wert war schon immer da, aber das öffentliche Interesse an den Paralympics ist im Laufe der Jahre exorbitant gestiegen“, betont Hartleb. Alexander Spitz schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Die Spitzenübertragung passt inzwischen auch zu dem Spitzensport, der geboten wird“.
„Ein Meilenstein im Wintersport war ganz sicher die Einführung des Prozentsystems“, erinnert sich Hartleb. Während in vielen Sommersportarten nur Sportler*innen mit der gleichen oder zumindest einer ähnlichen Behinderung gegeneinander antreten, was die Anzahl der Wettbewerbe schnell unübersichtlich macht, gibt es in den Individualsportarten im Wintersport nur noch drei Startklassen: sitzende, stehende und sehbehinderte Athlet*innen. Um dennoch einen fairen Wettbewerb zu gewährleisten, erhalten die schwerer beeinträchtigten Sportler*innen eine Zeitgutschrift. „Das hat nicht nur die Attraktivität der Wettbewerbe erhöht, sondern ganz wesentlich zur Attraktivität des Wintersports beigetragen“, betont Hartleb.
Gleichzeitig haben immer mehr Nationen den paralympischen Wintersport für sich entdeckt: „China, Russland oder die Ukraine haben sich in der jüngeren Vergangenheit im Para Sport rasant entwickelt und gewinnen mehr und mehr Medaillen“, sagt Hartleb. Trotzdem steht Deutschland im ewigen Medaillenspiegel der Winterspiele mit 141 Goldmedaillen noch auf dem ersten Rang – der Vorsprung auf den Zweitplatzierten Norwegen ist mit einer Goldmedaille jedoch denkbar knapp. Auf Rang drei folgt die USA mit 117 Goldmedaillen, während andere Nationen stetig aufholen.
Vorfreude und Wahrnehmung: Paralympische Strahlkraft auch für den Breitensport
Auch in Mailand und Cortina wird es ab dem 6. März harte Kämpfe um die Plätze auf dem Podium geben. Deutschland ist traditionell in den Para Ski-Wettbewerben gut aufgestellt. Eine Teilnahme freut Frank-Thomas Hartleb aber besonders: „Dass die Eishockey-Jungs wieder dabei sind, ist grandios. Da nur acht Nationen antreten dürfen, ist die Qualifikation schon ein toller Erfolg und nicht hoch genug zu bewerten.“ Das letzte Mal qualifizierte sich eine deutsche Mannschaft vor 20 Jahren für die Paralympics und schaffte es bis ins Halbfinale. Der Austragungsort damals wie heute: Italien. Ein möglicherweise gutes Omen, dass die Zuversicht für die Spiele noch steigert.
„Ich bin optimistisch, dass es gute Paralympics werden. Ich hoffe, dass die Sportler*innen für ihre jahrelange, harte Arbeit belohnt werden und die dementsprechende Anerkennung bekommen“, sagt Alexander Spitz. Denn die Paralympics waren und sind immer noch die Leuchtturmveranstaltung im Para Sport und beeinflussen so auch maßgeblich die Entwicklung des Breitensports. „Es treiben noch immer zu wenig Menschen mit Behinderung Sport. Zur Motivation gibt es keine bessere Gelegenheit als die Paralympics“, betont Spitz.
Viel hat sich bei den Paralympics und mit Blick auf den Breitensport von Menschen mit Behinderung in den letzten Jahren zum Positiven gewendet, doch genau so viel gibt es weiterhin zu tun. Die Winterspiele in Mailand und Cortina könnten 50 Jahre nach der Premiere in Örnsköldsvik der nächste Entwicklungsschub sein, den der Para Sport braucht. Es wäre zu wünschen, dass beim 100-jährigen Rückblick auch 2026 als Schlüsselmoment der Paralympics-Geschichte genannt wird.
Quelle/Text: Paul Foreman / DBS
Hinweis: Heute in einem Monat wird die 50-Jährige Jubiläumsausgabe der Winter-Paralympics in Italien eröffnet. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Spielen in Mailand und Cortina 2026 gibt es hier.